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Dorit Litt

Herbert Kitzel, Am Strand (1950) und Legende (I) (1952)

Abbildung Am Strand, 1950 in der Datenbank nicht vorhanden

Öl auf Leinwand, 69,5 x 92 cm

Privatbesitz

Herbert Kitzel wurde 1928 in Halle geboren und studierte hier von 1945 bis 1950 an der Kunstschule Burg Giebichenstein. Allerdings besuchte er keine Malklasse, sondern vertraute sich dem Schriftgestalter Herbert Post an, der ihn frei gewähren ließ. Schon während seiner Studienzeit malte er eindringliche Bilder, in deren Mittelpunkt der Mensch steht. Zunächst überwogen Aktfiguren und ab 1951 Artisten, Gaukler und Harlekine, die seit 1900 in der modernen Malerei vielgestaltig wiederkehrten und in der Motivwelt der Nachkriegsjahre erneut an Interesse gewannen. So orientierte sich Kitzel auch an Picasso, Beckmann und Rouault, die seine eigentlichen Lehrmeister wurden.

Im Laufe der 1950er Jahre tauchte Herbert Kitzel in die Metaphysik der Zirkuswelt ein, wo er Gleichnisse für das eigene künstlerische Schaffen fand, aber auch allgemeine Sinnbilder für das gesellschaftliche Leben und für die artifizielle Welt des Scheins. In zahlreichen Variationen von Einzelfiguren, Paar- und Gruppendarstellungen schöpfte er das Artistenmotiv in seiner gestalterischen Breite und existentiellen Tiefe aus. Auf diese Weise schuf er bis zu seiner Übersiedlung nach Karlsruhe im Jahre 1958 ein in sich geschlossenes Frühwerk, für das seine Bilder in dieser Ausstellung beispielhaft stehen.

Das Bild Am Strand von 1950 gehört zu den unzähligen Strandbildern hallescher Maler, die ihren Urlaub oft an der Ostsee verbrachten. Die Eindrücke wurden im heimischen Atelier verarbeitet, wo Kitzel den Strand als Bühne und das Meer sowie den Himmel als erhabene Kulisse bildlich gedeutet hat. Seine fünf großformatigen Akte sind – mit Fisch und Accessoires ausgestattet – narrativ auf der Strandbühne angeordnet. Sie erzählen eine surreale Geschichte, die sich eindeutigen Interpretationsversuchen entzieht.

Das Bild Legende I von 1952 gibt dem Betrachter schon eher seine Geschichte preis. Ein fahrendes Volk aus Artisten und Harlekinen geben ihrem toten Gefährten das letzte Geleit; vermutlich ist er bei einer tollkühnen Darbietung verunglück. Den „Absturz“ des Artisten sah Kitzel allgemein als Gleichnis für das mögliche Scheitern einer Künstlerexistenz am Rande der genormten Gesellschaft, mit dem sich der nonkonforme Maler identifiziert hat. Die Farbigkeit des aufgebahrten Harlekins symbolisiert dagegen noch das Erregende und Schillernde seines Beruflebens, das ihn bis in den Tod begleitet.

In zwei weiteren Fassungen der Legende von 1954/55 (Städtische Galerie Karlsruhe) und 1956 (Privatbesitz) steigerte Kitzel die Melancholie der bedrückenden Szene zunehmend durch schwere Farbtöne. Die in eine breite Grauskala eingebundene subtile Malerei bestimmt sein Schaffen der 1950er Jahre, in der existentielle Zustände, Vergänglichkeit und Tod ebenso thematisiert werden wie die Leidenschaft am artifiziellen Spiel.

Während sein Werk in der BRD Anerkennung u.a. durch den Deutschen Künstlerbund erfuhr, wurde Kitzel in der DDR noch in den 1960er Jahren als „der makabre Kitzel“ diskreditiert. Der in Halle ansässige private Galerist Eduard Henning hatte ihm dennoch 1956 eine Personalausstellung gewidmet, in der die Legende II besondere Aufmerksamkeit erregte. Ein Jahr später erwarb die Ostberliner Nationalgalerie die erste Bildfassung, die Legende I.

Zitierempfehlung: Dorit Litt: Bilddossiers zu "Am Strand" (1950) und "Legende (I)" (1952) von Herbert Kitzel, August 2012. In: Kunst in der DDR, URL: <http://www.bildatlas-ddr-kunst.de/knowledge/636>

Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)