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Diana Kopka

Eberhard Göschel, Großer Abflug (1987)

 

Im Entstehungsjahr 1987 erwarben die Kunstsammlungen Chemnitz das Gemälde Großer Abflug beim Künstler. Im darauf folgenden Jahr ging durch eine Schenkung der Bezirkshandwerkskammer ein weiteres Gemälde Göschels, Ohne Titel, 1984,in die Sammlung ein. 1989 kauften die Kunstsammlungen Chemnitz grafische Arbeiten sowie die Skulptur Kleine Gewandfigur von 1987 an. 2004 schenkte der Künstler dem Museum das Gemälde Chemnitzer Konvolut Nr. 9 (Dohle).

Eberhard Göschel ist 1943 in mittelfränkischen Bubenreuth geboren, die Mutter zog mit den drei Kindern noch im gleichen Jahr in die sächsische Schweiz nach Königstein. Göschel studiert dann ab 1964 Malerei an der Hochschule für Bildende Kunst in Dresden. Biografische Punkte müssen in seiner Tätigkeit im Leonhardi-Museum und als Mitbegründer der Obergrabenpresse 1978 in Dresden gesetzt werden. Die Presse wurde in den ehemaligen Atelierräumen Obergraben gegründet, beteiligt waren Peter Herrmann, Jochen Lorenz, Bernhard Teilmann und Ralf Winkler (A.R. Penck). Bemerkenswerterweise ließ Göschel 1988 die Abbildungen für einen Katalog der Neuen Dresdner Galerie (Staatlicher Kunsthandel der DDR) auf eigene Rechnungen beim Steidl Verlag in Göttingen drucken.[1] Beide Gemälde der Kunstsammlungen Chemnitz sind in der schmalen Veröffentlichung farbig abgebildet.[2]

In einer begrenzten Farbigkeit entfaltet sich das Gemälde Großer Abflug vor dem Betrachterauge. In der Bildmitte ist eine dunkle Fläche erkennbar, die durch das Zulaufen der Begrenzungslinien einen räumlichen Eindruck evoziert. Helle Beige- und Grautöne zerfasern die Fläche, lösen die klaren Konturen vollkommen auf und greifen in das Dunkel der Tiefe ein. Göschel trägt die Farbe mit einem breiten Pinsel auf, konturiert die Fläche dann durch den Einsatz von Rakel, Spachtel und spitzen Hölzern. Er bindet das Helle ans Dunkle. Die schrundige Oberfläche führt zu einem organischen Ineinandergreifen der Farbigkeit des Gemäldes. Vertikale Linien konturieren das konkave Dunkel. Spannungsreich stellt sich der Aufbau dar, doch im Ausdruck ist das Gemälde mit einem Naturgestein vergleichbar. Je länger man sich in die großformatige Arbeit einschaut, je deutlicher wird der Nuancenreichtum der Farbgebung erkennbar. Göschel bestimmt, wie viele Künstler des „Informel“, das Größenmaß seiner Leinwände dadurch, dass er die Gemälde mit aufgespannten Armen bewegen kann. Sein Körpermaß wird zum Bezugspunkt für die Bildformate.[3] Rudolf Mayer ordnet Göschels Arbeiten als „Malergedichte“ ein, die ohne erläuternde Worte einen naturhaften Ausschnitt ins Bild setzen. Der Künstler lässt allerdings das äußerlich Fassbare dem nach festen Punkten suchenden Betrachter entgleiten. Der Titel des Gemäldes kann im sprachlichen Bild als literarisches Detail gelesen werden. Er kristallisiert sich während oder nach der Arbeit heraus und hat die Natur als Bezugspunkt.[4] Stark ist der Klang des Bildes, still ruft es einen zur kontemplativen Betrachtung. Im Bezug zum Titel könnte man diesen als einen Abflug-in-die-Stille-hinein beschreiben.

Göschels Arbeiten schwingen zwischen einem Landschaftsbild und dessen Abstraktion hin und her und lassen sich nur schwerlich einordnen.[5] Der Künstler nimmt in der Malerei der DDR eine singuläre Rolle ein. Sein Werk kann am ehesten mit dem von Harald Toppel aber auch mit dem des Informel-Künstlers Hans Hartung verglichen werden. Mehr und mehr wird Göschel sich in der Malerei der 1970er Jahre vom Gegenstand entfernen. Er beginnt die Arbeit in der Natur und ringt dann aber im Atelier mit den Formen. Von Anfang an zeichnen sich seine Werke dadurch aus, dass dissonante Farbklänge fehlen.[6] Göschel folgt 2004 der Einladung der Kunstsammlungen Chemnitz ein Chemnitzer Konvolut anzufertigen. Der Maler verkauft vorrangig an Privatsammler, Aufträge übernimmt er nicht. Göschel ordnet die Arbeit Chemnitzer Konvolut als „Rechenschaftsbericht“[7] ein, ein Jahr zuvor wurde der Künstler 60 Jahre alt.

Anmerkungen

[1] E. Göschel. Chemnitzer Konvolut. Malerei. Ausst.-Kat. Kunstsammlungen Chemnitz. Hrsg. von Ingrid Mössinger / Brigitta Milde. Dresden 2004. S.70-71.

[2] Eberhard Göschel. Gemälde - Skulpturen. Ausst.-Kat. Neue Dresdener Galerie 1988. S. 11, 27 Abb.

[3] E. Göschel. 2004. Wie Anm. 1 S. 11.

[4] Mayer, Rudolf: Eberhard Göschel Besteigung des Ätna. Veröff. in: Eberhard Göschel 1988. Wie Anm. 2. S. 4-5.

[5] Kuhn, Nicola. Veröff. in: Eberhard Göschel – Horizont, teilweise gespiegelt: Malerei 1990 – 1992. Ausst.-Kat. Galerie Beethovenstraße Düsseldorf, Galerie Hans Ostertag Frankfurt / Main, Galerie Barthel+Tetzner Köln, Galerie Oben Chemnitz, Galerie Gunar Barthel Berlin 1993. S. 6-7.

[6] Nationalgalerie Berlin. Kunst in der DDR. Katalog der Gemälde und Skulpturen. Hrsg. von Fritz Jacobi. Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz; Leipzig 2003. S. 85- 86.

[7] Ein Text von E. Göschel. Veröff. in: E. Göschel 2004. Wie Anm. 1. S. 15.

Literatur

Eberhard Göschel – Horizont, teilweise gespiegelt: Malerei 1990 – 1992. Ausst.-Kat. Galerie Beethovenstraße Düsseldorf, Galerie Hans Ostertag Frankfurt / Main, Galerie Barthel+Tetzner Köln, Galerie Oben Chemnitz, Galerie Gunar Barthel Berlin 1993.

Nationalgalerie Berlin. Kunst in der DDR. Katalog der Gemälde und Skulpturen. Hrsg. von Fritz Jacobi. Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz; Leipzig 2003. S. 85- 87.

Ausstellungen

Eberhard Göschel. Gemälde - Skulpturen. Ausst.-Kat. Neue Dresdener Galerie 1988.

E. Göschel. Chemnitzer Konvolut. Malerei. Ausst.-Kat. Kunstsammlungen Chemnitz. Hrsg. von Ingrid Mössinger / Brigitta Milde. Dresden 2004.

Kunst in der DDR. Eine Retrospektive der Nationalgalerie. Ausst.-Kat. Neue Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin. Hrsg. von Eugen Blume / Roland März. Berlin 2003. S. 165, 168 Abb.

Zitierempfehlung: Diana Kopka: Bilddossier zu "Großer Abflug" (1987) von Eberhard Göschel, August 2012. In: Kunst in der DDR, URL: <http://www.bildatlas-ddr-kunst.de/knowledge/629>

Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)