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Diana Kopka

Núria Quevedo, 30 Jahre Exil (1971)

 

Das Gemälde 30 Jahre Exil wurde zuerst im Frühjahr 1972 auf der „Kunstausstellung der Hauptstadt der DDR“ präsentiert. Ein Journalist der Wochenzeitung DIE ZEIT (10.03.1972 Nr. 10) beschrieb die Arbeit der Künstlerin nach dem Rundgang durch die Ausstellung wie folgt: „[…] die nicht an kleinbürgerliche Sentimentalität appelliert, vielmehr zum Nachdenken über die Kontinuität des faschistischen Regimes herausfordert“. Im Herbst 1972 wurde das Gemälde auf der „VII. Kunstausstellung der DDR“ in Dresden gezeigt.

Quevedo lebt seit 1952 als spanische Emigrantin in Berlin (Ost). Nach Studienende 1963 an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst Berlin-Weißensee ist sie freischaffende Grafikerin und Buchillustratorin. Von 1968 bis 1971 hat sie als Meisterschülerin ein Stipendium bei Werner Klemke; durch die finanzielle Absicherung konnte sie sich erstmalig und intensiv der Malerei zuwenden.

Im Wesen der Stille sind zehn Menschen gefangen. Ihre Gesichter sind grau zementiert, Frauen, Männer und Kinder. In zwei Reihen stehen und sitzen sie dem Betrachter gegenüber. Die Augen gehen abwesend ins Leere. Der Betrachter sucht die „ozeanischen Augen“[1] und taucht ins schwarze Meer der Schwermut ein. Der Bezug zu einem Gedicht von Pablo Neruda (1904 – 1973) wird durch eine – leicht gekürzte - Bildunterschrift einer Studie zum Gemälde gelegt.[2] Der kleine Junge auf dem Gemälde hebt sich von den Übrigen ab. Er trägt einen blauen Pullover, die Anderen sind grautonig und schwarz gekleidet. Er hat als einziger blondes Haar. Seine Iris ist klar sichtbar, die Pupillen der Anderen dagegen sind dunkel und ohne Tiefe gemalt. Doch sein Gesicht ist gleichermaßen erdenschwer.

Studien zum Gemälde belegen, dass Quevedo bereits 1965 an dem Thema gearbeitet hat.[3] Aus dem Jahr 1967 gibt es eine Kohlezeichnung 30 Jahre Exil (Berlin, Staatliche Museen, Sammlung der Zeichnung) die als Studie ausgewiesen ist und die die Gesichtszüge, Haltung und Kleidung einzelner Personen zur vorangegangen Studie leicht variiert zeigt. Die Komposition, die mit einem Familiengruppenfoto vergleichbar ist, legt die Künstlerin bereits in einer frühen Studie fest. Sie verändert allerdings abermals den Ausdruck manch einer Person im Vergleich von Studie und Gemälde. Quevedo reduziert die Menschen in ihrer Darstellung auf „Bildzeichen“[4], folglich kann der Mann mit der dunklen Brille als Blinder identifiziert werden. Die Frau rechts neben ihm, deren Ausdruck von Anfang an gleich bleibt, wird ebenso durch Studien vorbereitet.[5] Ihre Augen sind von Dunkelheit „ozeanisch“ angefüllt, durch die schmalen Lippen blitzt eine unnatürliche Reihe von Zähnen hervor. Auf den Mann mit dem Hörgerät in der gleichen Reihe rechts lässt sich analoges übertragen, in Studien Der Taube genannt. Der Mund ist verstummt, sein Gesicht weist, wie das vieler anderer auf dem Bild, tiefe Furchen auf der Stirn auf.

Quevedo malt veristisch verzerrt Charaktergesichter Ton in Ton. Durch die Lichtregie der Künstlerin ist im Gemälde bereits angelegt, was ihr weiteres Schaffen bestimmt: eine Konzentration auf Kopf und Hände. Im betrachteten Gemälde sind es sechs Hände, die von Anstrengung gezeichnet sind und dann diese eine sanfte Geste: zwei Fremde berühren sich. Oder sind es Mutter und Sohn?

Wolf Biermann schreibt ein Lied zu diesem Gemälde, noch vor seiner Ausbürgerung aus der DDR. Er charakterisiert die dargestellten Menschen als Spanier im Dresdener Exil. „[…] Stehn Haare um ein Steingesicht vom Warten grau, im Wartesaal der Weltrevolution.“[6] Die Entstehungszeit und der Titel des Gemäldes weisen auf das Ende des Spanischen Bürgerkrieges und gleichzeitig den Beginn der Diktatur General Francisco Francos, die bis 1975 anhielt, hin. Quevedo findet ihr Exil in der Kunst, sie gibt der Fremden in der DDR eine Sprache. Das Katalanische der Kindheit bleibt ihr vertraut und fließt in ihren „dunklen Kadenzen“[7] auch in die Malerei ein. Ihr Werk „verkörpert eine ganz eigene Synthese aus spanischen und deutschen Lebens- und Seherfahrungen.“[8]

In einem Ateliergespräch aus dem Jahr 1975 mit Henry Schumann verweist die Künstlerin auf Parallelen zum Schaffen von José Guitérrez Solana (1886 – 1945), der die ausgebeuteten und aufständischen spanischen Bauern bildlich thematisiert. Quevedo lernte sein Werk vorwiegend durch die Lektüre kennen. Sie ist angeregt durch seine soziale Kunst, die weniger intellektuell aufgeladen ist und mehr dem Gefühl vertraut. Im Schaffen der Künstlerin wird der Expressionismus eines Otto Nagel (1894 – 1967), einem deutschen Maler, dessen Gruppenbildnisse - aber auch im folgenden Schaffen die Stadtlandschaften – greifbar. Ebenso finden sich Anregungen in Quevedos Arbeiten von der deutschen Expressionistin Käthe Kollwitz.[9] Im Gemälde 30 Jahre Exil dominiert die schwarze Farbigkeit. Es ist ein Verweis auf die Druckgrafik der Künstlerin aber auch auf die spanische Malerei, in deren Tradition sich Quevedo stellt. Als Vorbilder benennt sie Diego Velázquez (1599 – 1660), dessen strenger Realismus sie fasziniert, aber auch Francisco Goya (1746 – 1828), sie akzentuiert seinen schmerzlichen Tiefgang in der Malerei.[10]

Anmerkungen

[1] Pablo Neruda: In die Abende geneigt. Veröff. in: Neruda, Pablo: Gedichte. Spanisch und deutsch. Übertragen v. Erich Arendt. Frankfurt am Main Suhrkamp 1963.

[2] Zu Pablo Neruda: Die Abende, 1971, Kohlezeichnung, Studie II für eine Folge von sechs Lithografien. Veröff. in: Nuria Quevedo. Malerei, Handzeichnung, Druckgrafik.Staatliches Museum Schwerin 7. August – 20. September 1981. Staatliches Museum Schwerin, Hrsg. 1981. S. 23. Die Lithografienfolge ist im 2009 erschienenen Werkverzeichnis der Druckgrafik nicht aufgeführt.

[3] Wetterney, Anja: Núria Quevedo, Werkverzeichnis der Druckgrafik 1964 – 2008.Berlin Edition Teixidor 2009. S. 24. Abb.

[4] Kaufmann, Eva: Zu den Arbeiten von Núria Quevedo. Laudatio zur Verleihung des Hans-Meid-Medaille Pforzheim 2005. Zitiert nach: Wetterney, Anja, 2009 wie Anm. 3. S. 4.

[5] Wie Anm. 2. Und die vermutlich identische, allerdings anders betitelte, Kohlezeichnung: Frauenkopf, Studie zu 30 Jahre Exil, 1970. Veröff. in: Nuria Quevedo. Malerei, Zeichnung, Aquarelle, Grafik. Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Gemäldegalerie Neue Meister – Albertinum, Kunsthatte Rostock. Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Hrsg. 1986. S. 24. Abb.

[6] Biermann, Wolf: Ballade von den Spaniern im Dresdner Exil, 1976. In: Núria Quevedo im Deutschen Dom. Ausstellung vom 11. März – 29. April 2003. Im Auftrag des Deutschen Bundestages, Sekretariat des Kulturbereites. Kaernbach, Andreas, Hrsg. 2003. S. 9.

[7] Quevedo, Núria: Dialog in Sant Feliu. Rede zur Eröffnung der Ausstellung N.Q. in Sant Feliu, 2006. Zitiert nach: Wetterney, Anja, 2009. Wie Anm. 3. S. 110.

[8] Kaernbach, Andreas: Núria Quevedo - Eine Anatomie der Melancholie. In: Núria Quevedo im Deutschen Dom, 2003. Wie Anm. 6. S. 4.

[9] Schumann, Henry: Ateliergespräche. Leipzig Seemann. 1976. S. 218.

[10] Schumann, Henry, 1976. wie Anm. 9. S. 220.

Literatur

Schumann, Henry: Ateliergespräche. Leipzig: Seemann 1976. S. 215 – 227, S. 295.

Wetterney, Anja: Núria Quevedo, Werkverzeichnis der Druckgrafik 1964 – 2008.Berlin: Edition Teixidor 2009.

Ausstellungen

Nuria Quevedo – Malerei, Handzeichnung, Druckgrafik.Staatliches Museum Schwerin 7. August – 20. September 1981. Staatliches Museum Schwerin, Hrsg. 1981. S. 11ff., Abb. 20, 25ff.

Nuria Quevedo – Malerei, Zeichnung, Aquarelle, Grafik. Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Gemäldegalerie Neue Meister – Albertinum, Kunsthalle Rostock. Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Hrsg. 1986. S. 17 – 35.

Núria Quevedo im Deutschen Dom. Ausstellung vom 11. März – 29. April 2003. Im Auftrag des Deutschen Bundestages, Sekretariat des Kulturbereites. Hrsg. v. Andreas Kaernbach, 2003. S. 5, 8f.

Zitierempfehlung: Diana Kopka: Bilddossier zu "30 Jahre Exil" (1971) von Núria Quevedo, Juli 2012. In: Kunst in der DDR, URL: <http://www.bildatlas-ddr-kunst.de/knowledge/343>

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