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Beate Ritter

Hartwig Ebersbach, Gucker / Lachen üben (für Kokoschka) (1981)

 

In den aggressiven Pinselstrichen dieses Gemäldes ist im Zentrum endlich ein Gesicht auszumachen. Erhobene Hände sind an die Mundwinkel gelegt und scheinen die Lippen zu einem Lächeln zwingen zu wollen – Lachen üben in schweren Zeiten. Auch mit diesem kleinformatigen Bild von 1981 ist Hartwig Ebersbach kompromisslos auf dem Weg zu seinem eigenen künstlerischen Ausdruck.

Ebersbach studierte von 1959 bis 1964 bei Bernhard Heisig an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Zunächst Assistent bei Heisig, unterrichtet er 1979 bis 1983 das neu eingerichtete „Interessengebiet Experimentelle Kunst“ innerhalb der Fachklasse Angewandte Kunst an der Leipziger Hochschule. Hier hofft er, seine Suche nach neuen individuellen Möglichkeiten der Produktion und Funktion von Kunst vermitteln zu können. Seine experimentelle und gestische Malerei übt eine ungeheure Anziehungskraft auf die damals jüngste Malergeneration in der DDR aus. Man entzieht ihm jedoch die Möglichkeit der Lehre; Rektor Heisig vermutet, dass in der deshalb 1984 nicht wieder eröffneten Klasse „unter dem Vorwand des Experiments, Randerscheinungen kultiviert werden …“[1].

Ebersbach lebt und arbeitet in diesen Jahren bedingungslos und exzessiv bis an seine existentiellen Grenzen. Das Gemälde entsteht 1981, als er die Ausstattung für Friedrich Schenkers Kammerspiel II - missa nigra für die Aufführungen im italienischen Montepulciano und in Rennes in Frankreich besorgt und selbst vor Ort beteiligt ist. Aus dieser Welt öffnenden Erfahrung heraus beendet er im selben Jahr die 1980 begonnene, aus vier Stelen zu einem Kreuz geformte Installation Euphoricon. In den ersten Ausstellungen hat Ebersbach diesem frei stehenden Kreuz zusätzlich fünf separate Gucker-Tafeln Raum bildend zugeordnet: die Gemälde Suggestion, Corinth, Lachen üben (für Kokoschka), Greis und Tod.[2] Es ist sein konsequenter Bruch mit bildnerischen Traditionen.

Ebersbach widmet das Bild „Lachen üben“ - wie oben rechts im Bild lesbar - seinem Künstlerkollegen Oskar Kokoschka. Noch Jahre später, in einem im Juni 1989 geführten Interview, äußert sich Ebersbach über zwei von ihm verehrte Künstlerkollegen: „Ach, ich könnte malen wie Kokoschka, oder Corinth, wäre eventuell vergleichbar, aber ich muss zu meiner Malerei kommen, all diese Einflüsse weglassen, zerstören, Angriffe auf meine ästhetischen Vorbilder, die ich durch meine Malerei außer Kraft setzten muss.“[3] In einem expressiven leidenschaftlichen Malakt malt Ebersbach gegen diese Vorbilder an, findet seine eigene intensive Bildsprache. Wie der Österreicher Kokoschka nutzt er das Selbstbildnis zu einer künstlerischen Standortbestimmung, zu einer Selbstfindung in Zeiten äußerer Anfeindungen und entgegengebrachtem Unverständnis. Es ist sein Weg, „die Welt aus den individuellen, selbst erfahrenen Zusammenhängen heraus zu erklären“[4].

Gucker / Lachen üben war zu Beginn des Jahres 1982 als Teil der Euphoricon-Installation in der erst dritten Einzelausstellung des Künstlers in der damals legendären Galerie oben in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) zu sehen. Diese Präsentation war für Ebersbach ein wichtiger künstlerischer Erfolg; auch kommerziell lässt sich das belegen: fünf Gemälde wurden damals verkauft, darunter eben diese Gucker-Tafel als überhaupt erstes Werk des Künstlers für ein Kunstmuseum in der DDR.

Anmerkungen

[1] Zitiert nach: Hartwig Ebersbach. Gemälde Installationen. Plastiken, Ausst.-Kat. Museum der bildenden Künste Leipzig 29. März – 27. Mai 1996, Leipzig 1996, S. 244.

[2] Vgl. Hartwig Ebersbach. Malerei, Ausst.-Kat. Staatliches Lindenau Museum Altenburg 1982, Kat. 21, Abb. S. 71 und S. 75.

[3] Gespräch zwischen Rainer Wagner und Hartwig Ebersbach in Vorbereitung des Ausstellungsvorhabens, in: Hartwig Ebersbach. Malerei, Ausst.-Kat. Stadtmuseum Weimar 17.5.-21.6.1990, Zentrum für Kunstausstellungen der DDR Berlin 1990, Städtische Museen Karl-Marx-Stadt, Museum am Theaterplatz 15.11.1990-14.1.1991, Berlin 1990, S. 121.

[4] Peter Guth: Hartwig Ebersbach – Ein Szenarium, in: Hartwig Ebersbach. Malerei, 1990, wie Anm. 3, S. 13.

Literatur

Hartwig Ebersbach: Malerei, Ausst.-Kat. Stadtmuseum Weimar 17.5.-21.6.1990, Zentrum für Kunstausstellungen der DDR Berlin 1990, Städtische Museen Karl-Marx-Stadt, Museum am Theaterplatz 15.11.1990-14.01.1991, Berlin 1990.

Hartwig Ebersbach - Gemälde, Installationen, Plastiken, Museum der bildenden Künste Leipzig 29.3.-23.6.1996, S. 211 [mit einem Werkverzeichnis der Gemälde, Installationen und plastischen Arbeiten], S. 211, WV 49, ohne Abb.

Ausstellungen

Hartwig Ebersbach –  Malerei, Galerie oben Karl-Marx-Stadt (Chemnitz), ohne Kat.

Hartwig Ebersbach – Malerei, Ausst.-Kat. Staatliches Lindenau-Museum Altenburg 1982, Kat. 21.

Kokoschka und Dresden – Gemäldegalerie Neue Meister Dresden, Albertinum 29.9.-4.12.1996, Österreichische Galerie Belvedere Wien 18.12.1996-2.3.1997, Kat. 203, Abb. S. 277.

Zitierempfehlung: Beate Ritter: Bilddossier zu "Gucker / Lachen üben (für Kokoschka)" (1981) von Hartwig Ebersbach, Juli 2012. In: Kunst in der DDR, URL: <http://www.bildatlas-ddr-kunst.de/knowledge/342>

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