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Dagmar Füchtjohann

Sighard Gille: Brigadefeier - Gerüstbauer (1975/1977)

© VG Bild-Kunst, Bonn 2012

Mit Brigadefeier – Gerüstbauer stellte Sighard Gille auf der VIII. Kunstausstellung der DDR 1977/78 in Dresden ein im Vergleich zu früheren Arbeiterdarstellungen ungewöhnliches Werk vor. Er verabschiedete die in der bildenden Kunst der DDR bis in die 1970er Jahre dominierende Idealisierung des Werktätigen und des kollektiven Arbeitens und Lebens im Sozialismus. Stattdessen legte er die Divergenz von Ideal und Wirklichkeit offen.

Die linke Tafel des Diptychons zeigt das ausgelassene Vergnügen von Brigademitarbeitern während einer abendlichen Feier. Aus leicht erhöhter Perspektive blickt der Betrachter auf das Geschehen zu vorgerückter Stunde. Trunkene liegen sich in den Armen, prosten sich lauthals zu, Bierflaschen wurden bereits geleert und man gibt sich der Musik hin. Von dem linken oberen Bildrand ausgehend scheint eine leicht bekleidete Frau in das Geschehen hineingespült zu werden. Auf jeder Hand ihrer ausgebreiteten Arme balanciert sie eine Torte, von welchen die eine bereits gefährlich schräg liegt. Sie treibt einer Person entgegen, die, auf einem zu kippen drohenden Tisch stehend, inmitten der verwüsteten Partydekoration agiert.

Vier vom Künstler herausgearbeitete Szenen ereignen sich in einem ansonsten unpräzise beschriebenen Raum, wodurch das Gesamtgefüge äußerst fragil erscheint. Die Beschneidung des Raumes und die Konzentration auf den Kulminationspunkt des Geschehens steigern darüber hinaus die Bildwirkung. Für den Künstler typische malerische Mittel – seine dynamische Pinselführung, sein impressionistischer Farbauftrag und der Einsatz intensiver Farbigkeit – verstärken diesen Effekt.

Der Brigadefeier steht das perspektivisch strenger angelegte Gemälde Gerüstbauer gegenüber. Es zeigt eine alltägliche Szene am Bau, in der zwei Arbeiter in Begriff sind ein Gerüst zu errichten. Ihre Haltung ist gekrümmt. Die Muskulatur ihrer Körper, die von der Sonne gerötete Haut und ihre vor Anstrengung verzerrten Gesichter zeugen von der Last der Arbeit. Die dargestellte Aufbausituation, die sinnbildlich für den Aufbau des Sozialismus gelesen werden konnte,[1] wird hier in Kontrast zu der Leere gesetzt, auf welche die zentrale Ausrichtung der Fluchtlinien den Blick des Betrachters lenkt. Dadurch bleibt der Ausgang ihres Tuns ungewiss.

Nach Jahrzehnten ikonenhafter Brigadestilisierung hatte Gille diesem Bildtypus eine Richtung gegeben, die sowohl inhaltlich als auch formal einen Bruch mit vorherigen Darstellungen anzeigte. Der Schwerpunkt des Brigade-Bildes in der DDR lag in der Darstellung des Beziehungsgefüges in der Arbeitswelt. Es sollte den Kollektivgeist und das Gemeinschaftsgefühl einer entwickelten sozialistischen Gesellschaft veranschaulichen und den Betrachter zum kollektiven Denken und Handeln motivieren. Insofern hatte die Visualisierung des harmonischen, zielgerichteten Handelns und der positiven Wesensmerkmale der Beteiligten innerhalb dieses Gefüges Vorbildcharakter.[2] Unter den Brigade-Bildern war die Darstellung von Feierlichkeiten ein eher seltenes Motiv, jedoch durchaus bildwürdig, zumal auch ihnen eine den kollektiven Zusammenhalt fördernde Funktion zugesprochen wurde. Gleichzeitig bot dieses Sujet sich an, auf das kulturvolle Leben im Sozialismus zu verweisen.[3] Von der Idealisierung des Arbeitslebens hatten sich die Künstler in den 1970er Jahren weitgehend losgesagt. Auch die gleichförmig statuarische Bildanlage war längst einer Stil- und Formenvielfalt gewichen, welche als eine die Bildwirkung fördernde, zeitgemäße Darstellungsweise erkannt wurde.[4] Gille brach darüber hinaus die traditionelle Geschlossenheit der Brigade auf und nahm eine ironische Analyse der Alltagsrealität vor.

Die Darstellung der Gerüstbauer war nicht weniger herausfordernd, auch wenn dieser Teil des Werkes in der Rezeption weniger Beachtung erfuhr. Der Künstler zeigte die Auswirkung der physischen Anstrengung auf Körper und Gesichter auf, wodurch die befreiende Wirkung der Arbeit nicht mehr zum Ausdruck gelangt. Noch in den 1950er und 1960er Jahren hatten sich Künstler, um eben diesem Problem zu entkommen, auf die Darstellung planender und diskutierender Gruppen sowie Feierabend- und Pausenbilder konzentriert. Gille thematisierte die Kehrseiten beider Lebenswirklichkeiten des Arbeitsalltags und überließ es dem Betrachter, einen Sinnzusammenhang herzustellen.

Die Gemälde Brigadefeier und Gerüstbauer sind zunächst unabhängig voneinander entstanden. Erst nachträglich – und wie der Künstler anmerkte aus taktischen Gründen[5] – wurden sie zu einem Diptychon zusammengefügt. Nach seinem Abschluss an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig hatte Gille die „Brigade Heinrich Rau“ im VEB EBAWE Baustoffmaschinen seiner Heimatstadt Eilenburg nahe Leipzig ein Jahr begleitet.[6] In diesem Zusammenhang war 1971 im Auftrag des Rats des Bezirkes das Gemälde Brigade Heinrich Rau entstanden. Bereits dieses zeigt keine idealisierten Arbeiter mehr und irritierte auf der VII. Kunstausstellung der DDR 1972/73 in Dresden durch seine realitätsnahe Darstellung der Figuren und uneindeutige Komposition, die mögliche Konflikte zwischen den Arbeitern nicht ausschloss.[7] Gille war kein typischer Brigademaler. Trotzdem erteilte das Ministerium für Kultur dem Künstler 1973 einen Auftrag für ein zweites Brigade-Bild, dessen Arbeitstitel im Vertrag lose mit „Brigade Heinrich Rau (2. Fassung)“ angegeben wurde.[8] Das Gemälde sollte 1975 fertiggestellt werden und war für die „Kunstausstellung der DDR anlässlich des 30. Jahrestages der Befreiung in Berlin“ vorgesehen.[9] Vollendet wurde es jedoch erst ein Jahr später. Auch eine Erweiterung des Themas hatte das Ministerium scheinbar akzeptiert, denn aus diesem Auftrag ging Brigadefeier hervor. Von einer ersten Präsentation dieser Arbeit auf der bevorstehenden VIII. Kunstausstellung der DDR in Dresden riet das Ministerium dem Künstler jedoch ab,[10] da es bereits im Vorfeld kritische Stimmen auf sich gezogen hatte: Es war im Rahmen der Reihe „Im Auftrag entstanden“ in der Neuen Berliner Illustrierten abgebildet worden, woraufhin eine größere Anzahl an aufgebrachten Leserbriefen im Ministerium eingingen.[11] Doch Gille setzte sich durch und koppelte es an das zeitgleich entstandene Gemälde Gerüstbauer, welches ebenfalls im Auftrag des Ministeriums für Kultur entstanden war und bereits für die Kunstausstellung in Dresden vorgesehen war. Entsprechend der Erwartungen wurde sein Beitrag ausgiebig diskutiert, wobei die Kritik weniger aus dem Kreis der Kunstwissenschaftler kam, welcher die sozialkritischen Tendenzen der jungen Leipziger Künstlergeneration und ihren selbstbewussten Umgang mit dem Medium Malerei durchaus unterstützte. Teile der breiten Bevölkerung jedoch zeigten sich aufgrund der ironisch-satirischen Darstellung der Brigadefeier irritiert bis verärgert.[12] Scheinbar hatte Gille das Selbstverständnis der Arbeiterklasse herausgefordert, die hier eine Karikatur ihrer selbst vorzufinden glaubte. Schließlich war der Rezipient Jahrzehnte lang angehalten worden, sich mit den abgebildeten Helden zu identifizieren und die Bildwirklichkeit als kongruent zur gesellschaftlichen Wirklichkeit zu erkennen.

„Problembilder“ wie Brigadefeier – Gerüstbauer dominierten die Großausstellung in Dresden Ende der 1970er Jahre. Auf der einen Seite wurden sie abgelehnt, auf der anderen Seite geschätzt, eben weil sie die Entfernung der Wirklichkeit vom Ideal im „realen Sozialismus“ anzeigten.

Anmerkungen

[1]    Vgl. Uhlmann, Manuela: Ein neuer Bildtyp. Das Brigade-Bild in der DDR, in: Enge und Vielfalt. Auftragskunst und Kunstförderung in der DDR. Analysen und Meinungen, hg. v. Paul Kaiser und Karl-Siegbert Rehberg, Hamburg 1999, S. 201-211, S. 207.

[2] Zur Entwicklung des Brigade-Bildes in der DDR siehe ebd.

[3] Siehe: Hübner, Peter: Die Brigadefeier, in: Erinnerungsorte der DDR, hg. v. Martin Sabrow, München 2009, S. 241-247.

[4] Vgl. Uhlmann 1999, S. 206f.

[5] Jocks, Heinz-Norbert: Sighard Gille. Endlich angekommen in der Welt, in: Kunstforum international, Bd. 176, 2005, S. 185-189, S. 185.

[6] Döhl, Dörte u. Siebeneicker, Arnulf: Sighard Gille. Brigade Heinrich Rau, in: Auftragskunst der DDR 1949-1990, hg. v. Monika Flacke, München 1995, S. 208-216, S. 208.

[7] Siehe ebd., S. 209f.

[8] Vgl. ebd., S. 212.

[9] Vgl. ebd.

[10] Vgl. ebd., S. 213.

[11] Siehe: Neue Berliner Illustrierte, H. 10, 1977, Rückseite. Zur Reaktion auf Brigadefeier siehe auch: Dahn, Daniela: Spitzenzeit. Feuilletons, Halle 1980.

[12] Vgl. ebd.

Zitierempfehlung: Dagmar Füchtjohann: Bilddossier zu "Brigadefeier - Gerüstbauer (1975/1977) von Sighard Gille, Juli 2012. In: Kunst in der DDR, URL: <http://www.bildatlas-ddr-kunst.de/knowledge/320>

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