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Simone Fleischer

Siegfried Klotz, Selbstbildnis im Atelierspiegel (1974)

„Klotz [gehörte] zur Dresdner Akademie. Ihm waren er selbst, seine Frauen, festgehalten in zahllosen Akten, die lebensgroßen Gliederpuppen und der große, schwenkbare Atelierspiegel, in dem er sich und seine Umgebung nochmals im Abbild besaß, gleichsam Schein und Sein nebeneinander, erst einmal genug.“[1] Diese Beschreibung der Symbiose zwischen dem Maler Siegfried Klotz und seinem Atelier in den Räumen der Hochschule für Bildende Künste (HfBK) auf den Brühlschen Terrassen, wie sie Rainer Beck im 2009 erschienenen Werkverzeichnis formulierte, erscheint wie eine Kurzbeschreibung des Gemäldes ‚Selbstbildnis im Atelierspiegel‘ von 1974.

Der im Titel erwähnte Spiegel bildet das zentrale Moment der Darstellung. Einerseits organisiert er durch seine Präsenz im Raum und durch die Wiedergabe eines eigentlich nicht sichtbaren Teiles des Ateliers die Raumwahrnehmung des Bildes. Andererseits hinterlässt die Gleichzeitigkeit verschiedener Ansichten des Raumes ein Gefühl der Irritation. Der Maler selbst nutzt das Spiegelbild, um sich, mit dem Pinsel in der Hand, als Künstler ins Bild zu setzen. Hinter ihm sieht man in dem ‚Bild im Bild‘, das der Spiegel liefert, eine Frau auf einem Sofa liegen. Ein Paravent schützt sie vor neugierigen Blicken durch die offene Eingangstür des Ateliers. Außerhalb der Welt im Spiegel charak­terisieren Leinwände, ein Tischchen, Farben und Paletten das Künstlerdomizil. Die Malutensilien sind zu einem Stillleben an der unteren Kante des Bildes arrangiert, durch die Spiegelung werden sie gedoppelt. Sie bilden eine Schranke für den Betrachter, der Zugang zu dem Raum bleibt ihm verwehrt. Dies schafft eine Distanz zu dem ‚mythischen‘ Ort des Künstlerateliers, das im Falle von Siegfried Klotz ein geradezu legendäres, magisches Gebiet ist. Wulf Kirsten beschreibt es  als „spartanisch unaufgeräumt. Der gesamte Rauminhalt bildet ein Objekt, eine Installation, absichtslos, und ist dabei zu einem Kunstwerk für sich geworden.“[2] Das Atelier von Klotz war zu seiner Zeit eine Institution, dessen Überbleibsel noch heute vom Archiv der HfBK verwahrt werden.[3] Mit der Wahl seines Künstlerrefugiums als ‚Kulisse‘ für das Selbstporträt inszeniert Klotz diesen Fakt genauso, wie er sich damit bewusst in die kunsthistorische Tradition der Selbstdarstellung im Atelier setzt, wie man sie etwa bei Nicolas Poussins ‚Selbstbildnis‘[4] von 1650 oder Gustave Coubets ‚Das Atelier des Künstlers‘[5] von 1855 findet.[6]

In der Wiedergabe des Porträts seiner Selbst verzichtet der Maler auf die Details einer realistischen Abbildung. Das Gesicht wird nur grob umrissen, Statur und charakteristische Gestiken verallgemeinert. Das eigentliche Interesse des Bildes scheint nicht im Selbstporträt begründet zu liegen, sondern vielmehr in der Spiegelung desselben.

Damit beschäftigt sich das Bild mit einem wesentlichen Punkt der Selbstdarstellung. Das Selbstbildnis eines Künstlers, obschon in langer Tradition ein spätestens seit Dürer wiederkehrendes Motiv in der Kunst, stellt immer auch eine ‚Augentäuscherei‘ dar. Der Maler benötigt ein Hilfsmittel, um sich seiner Selbst ansichtig zu werden. Zumeist ist der Spiegel das Mittel der Wahl für die Selbstbefragung. Er ermöglicht den forschenden Blick auf die eigene Person, ist dabei aber stets ein trügerischer Mittler, der das wahre Antlitz immer nur seitenverkehrt und als Abbild wiederzugeben vermag.[7] Das Spiegelbild ist damit nur ein Trugbild, das die Wirklichkeit lediglich reflektieren kann. Das Selbstporträt wird zum Abbild eines Abbildes. Zumeist wird dieser Umstand aus der malerischen Selbstrepräsentation getilgt, indem das Hilfsmittel ausgeblendet wird. Der Rahmen des Spiegels wird ersetzt durch den Rahmen des Bildes. Erst wenn die Malerei sich optischen Verfrem­dungsmöglichkeiten widmet, wie sie etwa der Konvexspiegel in dem bekannten Selbstbildnis Parmigianinos[8]  ermöglicht, wird das Hilfsmittel als solches erkennbar. Die Verzerrung der Hand im Vordergrund und des Fensters am linken Bildrand offenbart die Abbildhaftigkeit des Spiegelbildes. Parmigianino zeigt sich hier jedoch nicht als Maler, durch den mitgemalten Rahmen des Spiegels erscheint das Bild vielmehr als Trompe-l´œil. Klotz hingegen setzt den trügerischen Schaffensprozess eines Selbstporträts ins Bild. Das Trompe-l´œil weicht der Entlarvung der Fehlerhaftigkeit der Vorgehensweise. Näher als an Parmigianino ist diese Kompo­sition daher einer Fotografie von Helmut Newton[9], die den Künstler ebenfalls als Spiegelbild zeigt. Auch hier ist das Gesicht nicht zu erkennen, blickt der Fotograf doch gerade durch die Kamera. Die gleiche Leerstelle wie in dem nur schemenhaft angedeuteten Gesicht von Siegfried Klotz. Der eigentliche Reiz eines Selbstporträts, die „besondere Form von Unmittelbarkeit“, der „in Selbstbildnissen gelegentlich eröffnete indirekte und imaginäre Zugang zur Künstlerwerkstatt und deren Geheimnissen“[10] und damit zum Künstler selbst, wird in beiden Werken ausgeblendet und verweigert. Vielmehr ist die Schwierigkeit, ein ‚wahrhaftiges‘ Bild mithilfe eines trügerischen Abbildes zu konstruieren, Thema sowohl bei Newton als auch bei Siegfried Klotz.

Anmerkungen

[1] Beck, Rainer: Das Ereignis Siegfried Klotz. In: Siegfried Klotz 1939-2004. Werkverzeichnis. Erarbeitet von Stephan Weber. Dresden, 2009, S. 7-10, S. 9

[2] Kirsten, Wulf: Eröffnungsrede zur Ausstellung im Immendorf-Atelier am 22.11.2000 (HfBK-Archiv) bzw. ders.: Ein Modell porträtiert seinen Maler. Über Siegfried Klotz. In: Ders. und Hans-Peter Lühr (Hg.): Künstler in Dresden im 20. Jahrhundert. Husum 2005, S. 201-204, S. 203; hier zit. nach Rehberg, Karl-Siegbert: „Maler Klotz“. Ein letzter Repräsentant der „Dresdener Schule“? In: Siegfried Klotz 1939-2004. Werkverzeichnis. Erarbeitet von Stephan Weber. Dresden, 2009, S. 11-21, S. 12.

[3] Vgl. Rehberg, Karl-Siegbert: „Maler Klotz“. Ein letzter Repräsentant der „Dresdener Schule“? In: Siegfried Klotz 1939-2004. Werkverzeichnis. Erarbeitet von Stephan Weber. Dresden, 2009, S. 11-21, S. 12.

[4] Nicolas Poussin: Selbstbildnis. 1650, Öl auf Leinwand, 98 x 74 cm, Musée du Louvre, Paris.

[5] Gustave Courbet: Das Atelier des Künstlers. 1855, Öl auf Leinwand, 361 x 598 cm, Musée d´Orsay, Paris.

[6] Zum Atelier als Motiv im Selbstbildnis vgl. auch Bonafoux, Pascal: Der Maler im Selbstbildnis. Genf, Herrsching am Ammersee 1985, S. 78f.

[7] Vgl. Boehm, Gottfried: Der blinde Spiegel. Anmerkungen zum Selbstbildnis im 20. Jahrhundert. In: Ansichten vom Ich. 100 ausgewählte Blätter der Sammlung „Künstler sehen sich selbst – Graphische Selbstbildnisse des 20. Jahrhunderts“ im Herzog Anton Ulrich-Museum Braunschweig. Hg. vom Herzog Anton Ulrich Museum Braunschweig, (Ausst.-Kat.) Braunschweig 1997, S. 25-33, S. 25.

[8] Parmigianino: Selbstbildnis im Konvexspiegel. um 1524, Öl auf Pappelholz, Durchmesser 24,4 cm, Wien, Kunsthistorisches Museum.

[9] Helmut Newton: Self portrait with wife and models, Paris. 1981, Gelatinesilberabzug.

[10] Beide Zitate: Boehm, Gottfried (wie Anm. 7), S. 25.

Zitierempfehlung: Simone Fleischer: Bilddossier zu "Selbstbildnis im Atelierspiegel" (1974) von Siegfried Klotz, Juli 2012.

 . In: Kunst in der DDR, URL: <http://www.bildatlas-ddr-kunst.de/knowledge/139>

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