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Dorit Litt

Hermann Bachmann, Mann im Gerüst (Aufbruch) (1948), Mohn vor der Reife (1950/52)

Abbildungen nicht vorhanden

Mann im Gerüst (Aufbruch), 1948

Öl auf Hartfaser, 119 x 85 cm

Privatbesitz

 

Mohn vor der Reife,1950/52

Öl auf Hartfaser, 60,5 x 73 cm

Stiftung Moritzburg, Halle (Saale)

 

Hermann Bachmann war gerade 19 Jahre alt, als er in den Feldzug gegen die Sowjetunion eingezogen wurde. Verwundet kehrte er 1945 in seine Heimatstadt Halle zurück, wo er das eigene Atelier und die Wohnung der Eltern ausgebombt vorfand. Der gelernte Schriftsetzer begann als freischaffender Maler zu arbeiten, und seine ersten Bilder – Landschaften, Stadtansichten, Stillleben, Strandbilder sowie arkadische Figurenszenen – scheinen zunächst die Kriegserlebnisse zu überdecken. Doch die Traumata kehrten wieder. Sie kamen in surrealen Bildern an die Oberfläche und gewannen zunehmend an Kontur. Brennende Ruinen, ausgebrannte Häuser, Kriegsheimkehrer und Flüchtlinge sind Motive, die Bachmann seit 1948 in seinem Werk verarbeitet hat.

Exemplarisch dafür steht das expressiv gebaute Bild Mann im Gerüst, in der eine Figur sowohl in Rücken- als auch Vorderansicht traumwandlerisch ihren Weg aus brennenden Häusern sucht. Türen und Fenster stehen für den „Aufbruch“ offen; in welche Richtung sie gehen wird, ist indes noch ungewiss. Denn die Utopie wird von Alpträumen und der Optimismus von klaustrophobischen Zuständen überlagert in der epochalen Umbruchsituation der Nachkriegszeit.

Bachmanns ungewöhnliche bildschöpferische Kraft wurde frühzeitig von dem Galeristen Eduard Henning erkannt, der dem jungen Maler 1948 und 1950 Einzelausstellungen mit Katalogen gewidmet hat. In der zweiten Ausstellung dominierten ausdrucksstarke Figurendarstellungen, u.a. das Bild Mann im Gerüst.

Bachmanns Palette ist reich an Farben. Neben starken Kontrasten wurde seine breite Grauskala legendär, die anregend auf befreundete Maler wie Herbert Kitzel und Wille Sitte wirkte. In ihren typisch halleschen Bildern ist das Grau „wie ein gedämpftes Licht einer trüben Sicht über die Bildfläche gelegt“ (Bachmann). Der ebenfalls mit den Malern befreundete Bildhauer Waldemar Grzimek sah darin einen malerischen Reflex auf die besondere Atmosphäre in der Industriestadt Halle, auf dessen silbrig gebrochenes Licht, das die Farbskala zusammenzieht. Mit Grau verband Bachmann aber auch die Existenzfrage; denn so wie Grau keine Gegenfarbe hat, so kann auch die Existenzfrage keine endgültige Antwort finden.

Von Bachmanns sublimer Graumalerei lebt das Bild Mohn vor der Reife. Es bildete den vorläufigen Endpunkt einer variantenreichen Serie von etwa 20 Mohnbildern, die von 1948 bis 1952 entstanden war und Jahre später sporadisch fortgesetzt wurde. Hinter den scheinbar zeitlosen Mohnbildern steckt eine tiefe biographische Bedeutung, die auf Kriegserlebnisse in Russland zurückgeht, wo Bachmann mit seinen Kameraden in weiten Mohnfeldern Schutz suchen musste. Wie das Beispiel Mohn vor der Reife zeigt, verselbständigen sich seine Bilder aber zunehmend mehr zu poetisch-suggestiven Zustandsschilderungen mit einem auch formal erhöhtem Abstraktionsgrad. Das lichte, in hellen blaugrauen Tönen modellierte Gemälde war erstmals in der Kunstausstellung der Moritzburg 1952/53 zu sehen. Es brachte Bachmann allerdings nur diffamierende Kritik ein, während er im westlichen Teil Deutschlands Lob und Anerkennung erfuhr. Die SED inszenierte gegen ihn eine regelrechte Hetzkampagne, die ihn zur Republikflucht zwang. Sein Bild Mohn vor der Reife verblieb in der Moritzburg, wurde inventarisiert, aber erst 1992 für die Sammlung vom Künstler erworben.

Zitierempfehlung: Dorit Litt: Bilddossiers zu "Mann im Gerüst" (Aufbruch) (1948) und "Mohn vor der Reife" (1950/52) von Hermann Bachmann, Oktober 2012. In: Kunst in der DDR, URL: <http://www.bildatlas-ddr-kunst.de/knowledge/1117>

Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)